Unsere ERASMUS-Austauschstudentin Laura Schack schreibt über die anti-europäischen Tendenzen in Großbritannien und die Gründe dafür.

 

Vor einem Jahr kündigte der britische Premier Minister David Cameron an: Sollte die Konservative Partei in 2015 wieder gewählt werden, dann wird sie eine Volksabstimmung veranstalten, um zu entscheiden, ob Großbritannien in der EU bleiben soll. Laut Umfragen möchte eine Mehrheit der Bürger/innen, dass Großbritannien die EU verlässt.

Seitdem ich für ein Jahr aus England nach Berlin gekommen bin, wurde ich von mehreren Menschen gefragt, was ich (als Engländerin) davon halte. Aber als „Engländerin“ kann ich diese Frage nicht beantworten. Ich studiere in Oxford, bin in Amerika geboren und in England mit deutscher Nationalität aufgewachsen. In England würde man mich fragen, was ich als Deutsche denke.

Diese Situation hat Nachteile: Ich habe kein klares Gefühl von einer nationalen Identität. Ich denke jedoch, dass die Vorteile überwiegen: Ich bin zweisprachig aufgewachsen und mit verschiedenen Kulturen vertraut. Ich kann nationale Angelegenheiten aus einer Außenperspektive betrachten. Deswegen habe ich mir die Frage gestellt: Wo liegen die Gründe für die Europa-Skepsis der Briten?

Der erste Grund ist meiner Meinung nach: das mangelnde Interesse der Briten, Fremdsprachen zu lernen. Viele Schüler/innen in England finden es überflüssig und unnötig, Fremdsprachen zu lernen. Wozu auch - schließlich ist Englisch eine weltweit verbreitete Sprache. Vor allem in der heutigen Zeit, wo es immer schwieriger wird, einen Job zu finden, legen Schüler/innen mehr Wert auf naturwissenschaftliche Fächer (paradoxerweise sind in Großbritannien Arbeitnehmer/innen, die eine Fremdsprache beherrschen, bei Arbeitgeber/innen sehr begehrt).

Noch seltener sind Studierende, die Fremdsprachen an der Universität studieren. In 2012 haben nur 4.050 Studenten angefangen, europäische Sprachen in Großbritannien zu studieren, 14% weniger als im Jahr davor.

Laut einer Umfrage sind 75% der britischen Bevölkerung nicht in der Lage, in einer der 10 wichtigsten Sprachen der Welt (wie z. B. Deutsch, Französisch und Spanisch) ein Gespräch zu führen. Experten befürchten, dass dieser „erschreckender Mangel“ eine negative Auswirkung auf Großbritanniens Fähigkeit haben wird, auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig bleiben zu können.

Ein Austritt aus der EU würde diese Lage nur noch schlimmer machen. Wenn man in Großbritannien eine Fremdsprache studiert, ist man verpflichtet, ein Jahr im Ausland zu verbringen. Ohne EU-Mitgliedschaft könnte man keine ERASMUS-Finanzierung beantragen. Hinzu kommt, dass Studiengebühren für Nicht-EU-Studierende viel höher sind. Diese Perspektive würde für junge Briten, die es in Erwägung ziehen, eine Fremdsprache zu studieren, zusätzlich abschrecken.

Der zweite Grund: Viele Briten betrachten sich nicht als Europäer. Ein Beispiel dafür ist der Satz: „In den Ferien fahre ich nach Europa“. Also liegt ihrer Meinung nach Großbritannien außerhalb von Europa. Die Briten betrachten sich am liebsten als unabhängig und eigenständig. Sie haben einen starken Nationalstolz. Dies zeigt sich beispielsweise an Feiern wie den Olympischen Spielen oder der königlichen Hochzeit: Straßen werden mit britischen Fahnen dekoriert. Alle sind stolz, Brite zu sein.

Ich glaube, dass dieser Stolz geschichtliche Gründe hat. Während der Zeiten des britischen Empires war Großbritannien eine Weltmacht. Das Gefühl, dass Großbritannien der Mittelpunkt der Welt ist, ist immer noch verbreitet. Auch ich habe dieses Gefühl, wahrscheinlich weil ich in England zur Schule ging. Eine Auseinandersetzung mit den tragischen Konsequenzen der britischen Kolonialgeschichte findet nicht statt. Der Geschichtsunterricht konzentriert sich sehr auf die beiden Weltkriege (in denen die Briten die Sieger waren).

britain outDies zeigt sich auch in dem Vokabular, dass bei der Debatte über Großbritanniens Position in der EU entstanden ist: „Brexit“ und „Brixit“ sind Schlagwörter für Großbritanniens Austritt aus der EU. Sie werden mit einem gewissen Nationalstolz verbunden. Im Gegensatz dazu, werden die, die für eine EU-Mitgliedschaft sind, abwertend „Europhiles“ genannt.

Drittens: Angst vor Einwanderung. In Großbritannien sind Einwanderer schon lange die Sündenböcke der konservativen Politiker und Boulevardzeitungen. Populistische Medien prophezeiten effekthascherisch, dass Januar 2014 Menschenströme aus Rumänien und Bulgarien nach Großbritannien einwandern würden. Diese Migranten würden den Briten die Jobs wegnehmen, auf den Straßen betteln und überwiegend von Sozialhilfe leben. Nun haben wir 2014, und die erwartete „Katastrophe“ ist nicht eingetreten. Ungefähr 150.000 Rumänen und Bulgaren arbeiten bereits in Großbritannien, nur wenige sind in diesem Januar dazu gekommen. Die Behauptung, dass Migranten öffentliche Gelder ausnutzen, ist lächerlich. Nur 6,6 % der im Ausland geborenen Erwachsenen im arbeitsfähigen Alter bekommen Sozialhilfe, im Vergleich zu 16,6 % derjenigen, die in Großbritannien geboren sind. Trotzdem gibt es Angst vor Migration, und für die Briten ist die EU die Ursache.

Meiner Meinung nach sind dies die Hauptgründe für die Anti-EU-Stimmung, die es in Großbritannien gibt. Ich kann verstehen, dass die Briten selbständig sein möchten und unabhängig von den vielen Regeln und Einschränkungen, die die EU ihnen auflegt. Aber mir scheint es auch, dass in dieser Debatte Großbritannien eine fast kindische Eigensinnigkeit an den Tag legt. Die Regierungen der USA, Deutschland, Japan und Australien haben den Wunsch ausgedrückt, dass Großbritannien in der EU bleibt. In einer Umfrage unter mehr als 4000 Unternehmen in Großbritannien befürchteten 60 %, dass ein Austritt aus der EU für sie wirtschaftlich nachteilig sein könnte. Nicht einmal die  großen Parteien Großbritanniens wollen eigentlich dieses Referendum: Die Labour-Partei und die Liberal-Demokratische Partei sind beide gegen eine Volkswahl. Sogar der konservative Premierminister, David Cameron ist gegen einen Austritt aus der EU.

Das versprochene Referendum scheint nur dazu zu dienen, die Bürger/innen dazu zu bringen, 2015 die konservative Partei zu wählen.

Liebes Großbritannien, wenn das Referendum tatsächlich stattfindet, habe ich nur eins zu sagen: Keep calm and don’t leave the EU!

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